Einmal von Wiesbaden nach Neapel und zurück im Jahr 2000 mit der Motoryacht "PALLAS"
Ein Reisebericht von Martin Hagen


Kurz nachdem ich mit der Sportböterei anfing, kamen die ersten Gedanken und die Neugier, wie es denn mit einem Mittelmeertörn sei. Schon 1964 an der Riviera de la Fiori hatte ich den untauglichen Versuch unternommen, mit einem alten Gummiboot nach Afrika zu fahren, aber ich bin einige Male kurz hinter der Brandung umgekippt, und dann habe ich es aufgegeben.
Aber alles strebte in mir und dann auch in Christa, der besten Begleiterin, gen Süden. Und so bereiteten wir uns schon 1999 intensiv vor, sammelten Kartenmaterial, einen GPS, und Informationen über Land und Leute, was uns das wichtigste Anliegen bei dieser Reise war. Am Ende haben wir  noch eine canadische Schulfreundin samt Ehemann angeheuert und dann ging es am 20. Mai 2000 endlich los.

Nun sollte sich der geneigte Leser einen Atlas oder einschlägige Karten vornehmen, denn die Aufzählung aller Orte, die wir erleben durften, wäre müßig. Wenn Sie eine solche Reise machen wollen, verlassen Sie sich nur auf sich selbst, denn keiner außer Ihnen hat die Verantwortung für das, was dann abgeht.

Also, zuerst den Rhein Richtung Straßburg, dann weiter über Breisach an der Schleuse Nifer nach Mühlhouse. Übrigens, auch die Flußschiffahrt hat ihre Tücken, nehmen Sie immer genug Treibstoff mit, sonst geht es Ihnen wie uns vor der Schleuse Iffezheim, wo uns ein gnädiger Skipper in den Hafen schleppte, weil der Sprit alle war, obwohl die Anzeiger noch eine satte Reserve anzeigten. (Natürlich wollten wir auch Gewicht sparen). Fast wäre dies das Ende unserer Reise gewesen.
Und, nehmen Sie sich Zeit, denn abgesehen vom Wetter birgt die Reise über den Rhein, Rhein-Rhone-Kanal, Saone und Rhone so viele Schönheiten und Überraschungen, dass man sich zumindest auf der Rückreise hierfür Zeit nehmen sollte.
Wir mussten das tun, weil wir nur einen intakten Impeller hatten und während der französischen "Vancance" im Juli und August von Avignon bis zum Doubs mit einer Maschine fahren musten, weil es keinen Impeller zu kaufen gab.

Wir hatten uns vorgenommen, unsere kanadischen Freunde binnen 3 Wochen in Nizza abzuliefern, damit sie ihren bereits gebuchten Rückflug nach Toronto erreichten. Es war eine fröhliche Fahrt, doch kurz hinter Marseille ereilte uns der Schirokko mit voller Gewalt. In unserer Not und Unerfahrenheit sind wir dann 4 Stunden "Rodeo" gegen den Sturm gefahren, bis wir  endlich sicher im Hafen von Toulon anlegten. Unsere Freunde verließen uns am nächsten Morgen wortlos, bis jetzt haben wir nichts mehr von ihnen gehört, schade. Übrigens, Toulon ist eine uralte Universitätsstadt mit einem herrlichen Markt und dem interessantesten Kriegshafen Frankreichs.

Ab dann waren wir frei und der nächste Hafen war Lelavandou. Wir lieben ihn, weil  Lelavandou die Partnerstadt von Kronberg ist und es uns schon mal 1996 hierher verschlagen hat. Hier erlebten wir einige Tage Sturm und konnten erst nach ca. acht Tagen weiterfahren, so ein Schirokko dauert angeblich 3,6 oder 9 Tage. Stimmt. Natürlich waren wir auch in St.Tropez, wo man ganz einfach gewesen sein muss und in Sanremo usw. So fuhren wir den Rest der Cote Azur, vorbei an Cap Ferrat, Nizza bis Menton, der sehr schönen Grenzstadt nach Italien, wo wir aus gesundheitlichen Gründen eine mehrtätige Pause machen musten, weil Christa sich das Bein gezerrt hatte. 

Auf dem Weg zum nächsten Zielpunkt Genua überraschte uns wieder ein heftiger Wind, der uns in den Hafen von Savona hineintrieb. Savona kommt in keinem vernünftigen Reiseführer für solche Reisen vor, außer mit dem Hinweis, daß man es als schmutzigen Industriestandort meiden soll. Nun gut, im Stadthafen fand am gleichen Abend ein fetziges Jazzconzert statt und wir haben im besten Restaurant unserer Reise gegessen. Wir blieben einige Tage, weil es uns so gut gefiel, die Liegekosten und waren günstig. Dann trieb es uns weiter, vorbei an einigen Häfen der Blumenriviera, wo wir viele nette Leute kennen lernten, bis nach Genua, wo wir am 4.7.2000 im Porto Antico, dem neuerbauten Yachthafen direkt neben dem Aquario Genova, dem größten Seeaquarium der Welt ? anlegten. Fantasttisch, mitten in der Stadt. Man musste schon ein wenig aufpassen, denn es gab jede Menge Leute, denen man selbst am Tage nicht so gern  begegnet. Aber so sind halt die mediteranen Häfen und Städte, dort kommen die Leute von überall her und leben dann dort, nicht wie bei uns, wo sie gut vorsortiert mit dem Bus durch den Rheingau gefahren werden. Am schönsten ist eine Bierpause mitten in einer belebten Gasse, wo sie alle vorbeikommen. Einfach herrlich. Und die Geschäfte mit Angeboten, von denen man als Mitteleuropäer nur träumen kann. Bis Genua sind es übrigens von Wiesbaden fast 1600 km (als Küstenfahrer haben wir unseren GPS auf KM umgestellt).

Schließlich fuhren wir am 9.7.2000 weiter nach Chiavari , das ist nun schon an der Riviera Levante, wo auch so Orte liegen, wie Portofino, Rapallo, Santa Margarita, Orte bei denen ich eine Gänsehaut bekomme, wenn ich die Namen lese. Dort sollte man sich Zeit nehmen, denn dort geht die Riviera erst richtig los. Aber vor dem Wetter  sollte man sich hüten und immer aufpassen, denn es schlägt unverhofft und heftig zu, wie wir auf der Rückfahrt erleben sollten. Nun gut, auf der Hinfahrt ging das noch gut, und nachdem meine Tochter, die Uli, in Chivari, einer Pensionärsstadt, zugestiegen war, gings weiter nach Livorno über PortoVenere, nicht ohne eine Ehrenrunde vor Portofino und Rapallo zu drehen. Man sollte diese Ehrenrunde nicht versäumen, das Glas Zitronenlimonade (frisch gepresst) kostet im Hafen von Portofino umgerechnet nur DM 8.-, allerdings mit Service unter einem Sonnenschirm.

Von Livorno gings in direkter Fahrt nach Elba. In Portoferrairo mußen wir die erste Nacht in der Bucht liegen, am nächsten Morgen hatten wir dann den Bogen raus und kamen um 11 Uhr direkt an der Stadtmole an und bekamen einen wunderschönen Liegeplatz für einige Tage. Man sollte unbedingt rund Elba fahren, dort gibt es vermutlich die einzigen "heimeligen, ruhigen und gemütlichen Buchten", wobei ich betone, dass sie alle sehr sonnig sind.

Von Portferrairo fuhren wir nach Punta Ala, dem langweiligsten Retortenhafen an der ganzen Küste, dafür die Nacht für umgerechnet DM 112.-.

Am nächsten morgen gleich weiter über Porto Galera- Riva de Trajano nach Porto Fiumicino (Hafen vor Rom). Wir bekamen auch gleich einen Platz mit viel Hallo von den Nachbarn. Abends haben wir uns dann mit einem Nordeuropäer 5 Mann hoch um einen Stromanschluss gestritten, weil ein Schuhstand uns den Strom geklaut hatte. 

Aber wir haben es im besten Einvernehmen geregelt und anschließend begossen. Wir fuhren dann 4 Tage jeden morgen nach Rom hinein und haben die Stadt mit allen ihren Schönheiten und Sehenswürdigkeiten verinnerlicht. Sicher wir nicht alles gesehen, aber es ist unvergesslich. Jeder mag es sich auf seine Weise erobern, auch wenn in der Hauptsaison sehr viele Menschen dort sind. Am letzen Abend verabredeten wir mit dem Taxifahrer, dass er Uli am nächsten morgen früh um 5 Uhr abholen solle, um sie am Bahnhof Richtung Frankfurt abzuliefern. Man soll es nicht glauben, er war pünktlich um 5 Uhr da. Sag noch einer was über die Italiener. Rom war wohl der schönste Punkt unserer Reise und wir schauen uns noch oft unsere Fotos davon an, vor allem das vor der Fontana die Trevi und das Bild mit den großen Biergläsern. Meinem Hausfriseur habe ich ein Foto von einem Friseurladen neben der englischen Treppe geknipst. Er sammelt solche Bilder aus aller Welt.

Beim Verlassen des Hafens habe ich einen ordentlichen Kavalierstart hingelegt, weil ich die Gashebel oben nicht richtig eingestellt hatte. Gottseidank haben die Festmacher gehalten, sonst hätten wir hoffnungslos Bruch gemacht. Also weiter am  3.8.2000 über Nettuno Nach Gaeta. Es war einer der schönsten Aufenthalte. Direkt in der Stadt, ein Riesenyachtclub, bei dem man sogar Eintritt bezahlen muss, eine traumhafte Pizzeria in einem alten Gewölbe. Man muss stundenlang anstehen, bis man ein Stück abbekommt und dann setzt man sich einfach  draußen auf den Bordstein und lässt es sich schmecken, wir werden es nie vergessen. Je weiter man nach Süden kommt, desto netter und unkomplizierter sind die Leute. Wir haben es jeden Abend genossen, durch die Stadt zu flanieren und der Musik, dem Kasperltheater oder sonstigen Vorführungen zuzusehen. Gaeta sollte man erlebt haben. Übrigens regnet es dort fast jeden Tag gegen Abend ein wenig.

Von Gaeta am 7.8.2000 gings nach Neapel zum Hafen Sannazarro/Merzellina. Von dort fahren die Schiffe nach Capri oder Iscia. Wir fanden tatsächlich eine uns gemäße Lücke und fuhren Bug voraus hinein. Es passte gerade so, und nach einigen Verhandlungen durften wir dort für 2 Stunden liegen. Ich habe dann etwas nach geholfen und so wurde ein viertägiger Aufenthalt daraus. Wir machten diverse Ausflüge u.a. nach Capri, das wir zu Fuß durchkämmt haben, denn im Hafen gibt es keinen Platz für so
kleine Leute wie uns. Leider haben wir, wohl weil es mir nicht so ganz gut ging und es auch sehr heiß war, nur einen Teil von Neapel und seiner interessanten  Altstadt erlebt, auch fehlen uns einige Kirchen und Paläste. Aber der Golf von Neapel ist schon eine Reise wert. Vor etwa 20 Jahren lag dort ständig ein amerikanischer Flugzeugträger auf  Reede, den ich dort schon 1980, als noch Frieden auf dieser Welt herrschte, mit eigenen Augen gesehen habe. Dieses Erlebnis hat mich seit damals immer wieder begeleitet. Ich glaube, über diesen Flugzeugträger gibt es sogar einen Film. Der Höhepunkt unseres Besuches war jedoch ein vollbäuchiger Italiener, der mittags um 2 Uhr auf der Mole sein "O SOLE MIO" mit solcher Inbrunst schmetterte, dass man direkt aus dem Mittagsschlaf erwachen konnte. (ca. 10 Strophen) 

Die südlichste Station unserer Reise war Porto Annunciata, eine arme Stadt, anscheinend voll von Taschendieben, aber einer ganz fürsorglichen Hafenbesatzung, die unser Boot rund um die Uhr bewacht hat und denen wir noch heute in Freundschaft verbunden sind. Ganz arme Leute, aber vom Wassersport besessen, wir denken gern an sie zurück. Von dort machten wir noch einen Ausflug nach Pompeji,
und dann  trieb es uns Richtung Heimat, da meine Gesundheit offensichtlich nicht zum besten war. 

Wir fuhren also etwa den gleichen Weg zurück, allerdings haben wir dann Häfen besucht, die wir auf der Hinfahrt ausgelassen hatten (außer Gaeta mit der Superpizza). In Portoferrairo besorgte uns der Hafenmeister, ein in Deutschland studierender junger Mann, bei seinem Freund in Viareggio einen Liegeplatz. Das hat auch gut geklappt. Viareggio ist eine der ältesten Badeorte an der Italienischen Riviera. Da der Liegeplatz inmitten der teuersten Werften nicht so gut war, wollten wir weiter und nach Rückfrage empfahl man uns, ruhig bis nach Chiavari zu fahren, obwohl der Himmel schwarz war. Dort sollte am nächsten Tag auch Markt sein, wo meine Chritsa zu ihren roten Schuhen eine rote Tasche kaufen wollte (oder umgekehrt). Also fuhren wir los. Nach ca. 2 Stunden wurde es immer ungemütlicher und stürmischer. In vielen Stunden, die wir heute als "Rodeo-Reiten" bezeichnen, kämpften wir uns ca.120 Km durch bis nach Chiavari. Die Wellen waren bis zu 4 Meter hoch und der Himmel wurde immer schwärzer. Mit Not erreichten wir den Hafen von Chiavari und wollten vor der Capitanerie, wo frei war, anlegen, das wäre in Sekunden geschehen. Leider waren wir so naiv und haben auf den Befehl eines Marineros gehört, der uns an die Besuchermole schickte. Doch es war zu spät. Wir warfen den Anker und zogen rückwärts an die Steinmole, doch zu spät, der Wind von Backbord, von Portofino bekam uns voll in den Griff und demolierte unser Boot achtern (ca. 30.000.-), nur weil wir das Manöver des letzten Augenblicks verpasst hatten. Die Besatzung eines Seglers, der am gleichen Tag von Genua nach Chiavari gestartet war, hat uns nach Kräften vor dem Schlimmsten bewahrt. Sie waren so beeindruckt, dass sie, obwohl erst einen Tag unterwegs, ihren Urlaub abgebrochen haben. Wir haben dann eine Woche im 1. Stock auf dem Trocknen gewohnt, während unser Boot repariert wurde. Nach den Zeitungsberichten soll der Sturm 150 Km/H schnell gewesen sein. Er dauerte nur eine halbe Stunde.

So fuhren wir dann zurück bis nach Port Napoleon in der Rhonemündung, wo wir überwinterten und die letzten Beschädigungen am Boot beseitigen ließen. Der Hafen ist für die Überwinterung sehr zu empfehlen. 

Wir hatten noch viele erwähnenswerte Erlebnisse, aber für heute genug. Demnächst die Story unserer Reise von Port Napoleon nach Gibraltar.

Hier nun die Konsequenzen, die man als Binnenschiffer ziehen sollte:

1.- Spare auf dem Rhein nie an Spritvorräten, achte auf die wichtigsten Ersatzteile.
2- Gutes Kartenmaterial ist wichtig, wir haben die italienischen. Navicards benutzt, 
     man bekommt sie überall. 
3- Ein GPS-Handgerät reicht für die Küstennavigation völlig aus. Wir haben die
     Wegpunkte bereits vor der Reisevorbereitung eingegeben. Navigation ist auf dem
     Mittelmeer völlig unproblematisch.
4- Nehmen Sie genug Bargeld mit, in Euro ist das kein Problem. Bei uns waren die
     Kosten etwa 33 % Sprit,33 % Liegepklatzkosten, 33 % Essen, Trinken, Übriges.
     Wir haben übrigens oft selbst gekocht.
5- Der Italienische  Bootservice ist sehr gut und preiswert, viel besser als bei uns.
6- Das Liegen in den Häfen und die Bewachung waren gut, wir sind nie bestohlen 
     worden und haben uns immer sicher gefühlt.
7- Seien Sie immer hilfsbereit, wenn z.B.in Ihrer Nähe jemand anlegen will, so wie
     bei uns in Deutschland üblich.  Meist ist das unter den Einheimischen nicht üblich. 
     Man guckt zwar meist blöd, nimmt aber dankbar Hilfe an.
8- Wenn Sie nicht richtig italienisch können, versuchen Sie es lieber gleich mit 
    Englisch, das können die Italiener genau so schlecht wie wir. Mit auswendig 
    gelernten it. Phrasen haben wir keine guten Erfahrungen gemacht. (überall Kanal 9).
9- Vor jeder Fahrt unbedingt den Wetterbericht in der Capitanerie erfragen bzw. fach-
     kundige Leute (Nachbarn) fragen. Gegen Mittag fällt das Barometer meist um 2 
    Striche, steigt jedoch gegen abend wieder an.
10- Nach jedem Essen sollte man einen Schnaps zur Desinfizierung nahmen, es nützt
     bestimmt. (Nicht von mir, hilft aber trotzdem gut). Kurze Info zu unserem Schiff:

Fabrikat BROOM  10.70   (10.70x3.75)
Baujahr: 1986
Betriebsstunden ca. 3800/h
Motoren 2x VOLVO-PENTA TAMD 40B, 2 x 138 PS
Spritverbrauch Diesel ca. 1 Liter bei Rumpfgeschwindigkeit ca. 9 Knoten
Höchstgeschwindigkeit ca. 18 Knoten, je nach Beladung
 

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