"Erlebnisbericht" einer Reise der "Katastrophe" von 1970 
Vorwort
Kitty Neubeck liest aus Werken von Lutz Schmidt
Diese kleine Lesestunde ereignete sich anlässlich unseres Dämmerschoppens am 2.10.2002 und alle hörten gespannt und amüsiert zu.
Wer (jedenfalls die älteren Mitglieder) erinnert sich nicht an Lutz Schmidt mit seinem Boot NEREIDE.
Manchmal kopfschüttelnd, meist aber liebevoll und irgendwie bewundernd erlebten wir die Abenteuer von Lutz oft hautnah mit und seine Reiseberichte waren stets begehrt. So einen Bericht hat Kitty Neubeck ausgegraben. Er stammt aus dem Jahr 1970 und ich denke, dass es sich lohnt, ihn hier mal - nach über 30 Jahren - zu veröffentlichen.
Viel Spaß beim Lesen!
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Hier der Bericht:

Vom Urlaubstörn zurückgekehrt stelle ich mit großem Erstaunen fest, daß ich immer noch von der Sportschifferei begeistert bin. Sie werden sich oder auch mich fragen, wieso "immer noch". Wenn ich Ihnen nun die täglichen kleinen Schikanen, die sich Neptun und seine Tritonen ausdachten, erzähle, werden Sie mich immer noch verstehen.

Also, es fing schon damit an, daß der Bootsbauer, der mein Boot betreut, mir eröffnete, er könne am Freitag vor meinem Urlaubsbeginn das von ihm und seinen Mitarbeitern ruinierte und nunmehr zu ersetzende Echolot nicht mehr beschaffen und man müsse dies auf den Montag verschieben.
Ergo waren schon 2 Urlaubstage zum Teufel, da ich nicht ohne Lot fahren wollte. Ich ließ mich aber nicht verdrießen und tuckerte am bewußten Montag rheinabwärts zum Hafen von Niederwalluf, um, wie vorher besprochen, dort auf den Slip zu fahren. Aber ich hatte die Rechnung ohne Freund Äolus1 dem Gott der Winde gemacht. Wochenlang ließ er seine Westwinde im Stall und verhinderte somit, daß regenschwangere Wolken vom Westen in die alte Welt ziehen konnten. Infolgedessen blieb Vater Rhein nichts anderes übrig, als sich immer weiter in sein Flußbett zurückzuziehen. Langer Rede kurzer Sinn: Es war infolge niedrigen Wasserstandes fast unmöglich, auf den Slip zu kommen. Als ultima ratio spannten wir mein Boot vor den Slip und zogen ihn mit Maschinenkraft etwas weiter ins tiefe Wasser.
Voll freudiger Genugtuung, daß dies nunmehr geschafft war, sollte nun der Motor der Slipanlage angestellt werden, um die Dschunke aus dem Wasser zu ziehen. Nach Lage der Dinge wäre es allerdings vermessen gewesen zu erwarten, daß diese Maßnahmen nun ohne Komplikationen vor sich gehen würden.

Um es kurz zu machen: Der Elektromotor der Seilwinde streikte. Und warum? Der Blitz hatte in die Leitung geschlagen und ihm den Rest gegeben. Ich glaube, alle Beteiligten haben sich gegenseitig sehr dumm angesehen. Sachen gibt's. Also wissense nee!
So mußte ich also am nächsten Tag meinen Törn ohne Echolot antreten. Wenn ich geahnt hätte, welche Überraschungen mich da noch erwarten würden, hätte ich es gelassen. Denn die Irrfahrten des Odysseus waren in mancher Hinsicht ein Dreck dagegen. Gewiß: Er hatte seinen Ärger mit Polyphem, dem Cyklopen mit Circe, die seine Gefährten in Schweine verwandelte, mit der Scylla und Caryddis, mit Sirenen usw. Homer hat sich da genug einfallen lassen, um seinen Best seller bekannt zu machen. Ferner hatte er laufenden Ärger mit Äolus, der ihm fast nur miese Winde sandte. Er hatte aber, Zeus sei's gedankt, auch sehr schöne Stunden. Ich erinnere nur an Nausikaa. Aber mit Dieselmotoren und Propeller, sowie deren unberechenbares Zubehör, hatte er nichts zu tun und brauchte sich infolgedessen auch nicht darüber zu ärgern. Mir jedoch bereiteten diese Errungenschaften moderner Technik erhebliches Kopfzerbrechen. Lassen Sie mich bitte der Reihe nach berichten.

Am 4. Urlaubstage gelang es mir dann endiich, loszumachen und abzufahren. Es dauerte nicht lange, und die erste Überraschung war da. Ich war ungefähr lo Minuten unterwegs, als am Z-Antrieb backbords der Gang heraussprang und die Maschine durch lautes Aufheulen ihren Unmut darüber Luft machte. Noch war ich nicht weit vom heimatlichen Hafen entfernt und so kehrte ich schleunigst dorthin zurück, um die Chose wieder in Gang zu set zen, was wider Erwarten sogar gelang. Dadurch, mit neuem Mut gestärkt, hatte ich abermals die Vermessenheit, den Hafen zu verlassen und guter Dinge zu Tale zu fahren. Kurz vor der uns allen gut gekannten und beliebten Eltviller Aue, vernahm ich ein ominöses Geräusch an der Steuerbordmaschine. Dasselbe wurde lauter und lauter. Auch die Drehzahlen gingen stetig zurück. An nichts Gutes gewöhnt, war mein erster Gedanke: Die Kurbelwelle ist den Weg alles Irdischen gegangen. Merkwürdigerweise fiel aber der Öldruck nicht ab. Jedenfalls stellte ich das Biest schleunigst ab und fuhr mit einer Maschine zu Berge, um abermals am Bootshaus fest zu machen und den Schaden zu diagnostizieren. Als ich es heraus hatte, fiel mir ein Stein vom Herzen. Es war nur ein Plastiksack, der es ausgerechnet auf meinen Steuerbordpropeller abgesehen hatte. Letzterer war der Stärkere und der Plastilcsack im Eimer.

Nachdem diese Störung beseitigt war, hatte ich abermals den bodenlosen Leichtsinn, meinen Törn zum 3. Male zu beginnen. Zunächst ging alles gut. Ich kam sogar bis kurz vor Rüdesheim. Daselbst teilte mir die Steuerbordmaschine per Thermometer mit, daß es ihr zu warm sei. Ich stellte sie also ab und begab mich spornstreichs in den Rüdesheinier Hafen wo ich vom dortigen Yachtclub gut aufgenommen wurde.
Voneinem der Clubmitglieder wurde mir gesagt, daß die Rüdesheimer Daimler Benz Vertretung in Bootsmotoren recht versiert sei. Ich rief also bei genannter Firma am Vormittag an, und am Nachmittag kam tatsächlich ein Monteur, der mit einem Blick heraus hatte, daß der Keilriemen der Steuerbordmaschine zu locker gespannt war und infolgedessen rutschte. Der Fehler wurde also schnell behoben, und ich fuhr weiter zu Tale. In der Gegend von St. Goar sagte sich die Backbordniaschine, was dem einen recht ist, ist dem anderen billig. Sie bekam ebenfalls die fliegende Hitze. Mit Oestrogen war hier nichts zu machen. Ich stoppte sie und suchte den nächsten Hafen auf, um die Ursache obengenannter Krankheit zu diagnostizieren. Nach geraumer Weile stellte ich fest, daß es nicht an den Eingeweiden liegen konnte und untersuchte außenbords den Ansaugstutzen. An denselben hatte sich eine Tüte an-geklammert, wie weiland eine schwangere Auster auf ihren Untergrund.
Man glaubt nicht, was so ein Unterwasserstaubsauger alles anziehen kann. Nach Beseitigung der Tüte ging es weiterhin bergab. Letzteres Wort kann man auslegen, wie man will. Es stimmt immer. Selbst die Knef singt es. Da durch oben erwähnte Zwischenfälle die Zeit unaufhaltsam fortgeschritten war, sah ich mich veranlaßt, bei Koblenz zu übernachten. Ich bunkerte am dort stationierten Esso-Schiff auf, fuhr durch die Brücke, um an der nächsten Insel für die Nacht festzumachen. Am nächsten Morgen ging es dann in Richtung Köln weiter. Der Ordnung halber möchte ich aber noch feststellen, daß zur Abwechslung die Bordtoilette ausgefallen war. Das war so kein großes Unglück. Letzten Endes kann man sich auch anders helfen. Der Rhein ist groß.
Um die Mittagszeit kam ich in Köln an und tuckerte langsam in den dortigen Hafen, wo auch die Schiffe der Köln-Düsseldorfer festmachen. Der Ausfall der Bordtoilette als einziges negatives Tagesereignis wäre nach alledem ein bißchen wenig gewesen. Beim Anlegen merkte ich, daß die Backbordschaltung nicht mehr funktionierte, obwohl, dieselbe funkelnagelneu war. Ich konnte plötzlich nicht mehr den Leerlauf, geschweige denn den Rückwärtsgang einlegen.
Jetzt hatte ich endlich genug. Ich beschloß, meinen Törn an die Nordsee aufzugeben und ertränkte meinen Kummer in einer flasche Eltviller Sonnenberg.
(Multae causae sunt bibendi)

Ich saß nicht lange allein, denn nach kurzer Zeit kam ein ebenfalls etwas angeheiterter Mann die Quaitreppe herunter, um mir Gesellschaft zu leisten. Wie sich herausstellte, war er der Koch des nebenanliegenden Passagierschiffes Loreley. Auch die Besatzung dieses dicken Schiffes hatte ihren Kummer. Sie hatten Kolbenfresser und konnten nicht mehr vor und zurück. Nachdem der Smutje bei mir noch mit einem starken Kaffee etwas reaktiviert wurde, schleppte er mich mit an Bord der Loreley. Hier lernte ich noch andere Besatzungsmitglieder kennen, unter anderen die beiden Steuermänner, die mir die technischen Einzelheiten des Steuerstandes genau erklärten. Nebenbei bemerkt:
Mit diesen Finessen kann auch der kleine Moritz ein Schiff seitlich versetzen.
Nachdem ich nun meinen vermessenen Plan, an die Nordsee zu fahren, aufgegeben hatte, beschloß ich, am nächsten Morgen in die Mosel zu tuckern. Ich machte also los, winkte meinen neuen Freunden von der Loreley und schipperte zu Berge. Das ging auch ohne Benutzung des Rückwkrtsganges. Man wird es kaum für möglich halten: die Fahrt von Köln nach Koblenz verlief ohne jeden Zwischenfall. Es fing schon an, mir langweilig zu werden, so sehr hatte ich mich an die kleinen Schikanen gewöhnt. Aber noch war nicht aller Tage Abend.
Wie ich schon oben erwähnte, war die Backbordschaltung nicht mehr gängig, und ich mußte in folgedessen beim Einfahren in die Moselschleuse dieselbe abstellen, um dann nur mit der Steuerbordmaschine zu manövrieren. Nachdem sich nach dem Schleusenvorgang das obere Tor geöffnet hatte, und ich die Maschine wieder anlassen wollte, mußte ich zur Kenntnis nehmen, daß der Anlasser backbords nicht mehr mitmachte. Ein Glück, daß die andere Maschine noch ging, und so fuhr ich denn langsam zum Yachtclub Metternich, wo das Boot festgemacht wurde.
Mittlerweile war es Freitagnachmittag geworden, und als ich den dortigen Boschdienst anrief wurde mir klar gemacht, daß vor Montag niemand kommen könne. Also saß ich wieder einmal fest. Um der guten Dinge dreie voll zu machen, mußte ich außerdem noch feststellen, daß die Backbordmaschine Öl verloren hatte und zwar ganz erheblich. Nur, aus welchem Loche? Das war die Frage. Aber auch die Ursache dieses Malheurs wurde gefunden. Es fehlte an der neuen Maschine eine Schraube, durch deren Gewinde sich das Öl bei laufender Maschine den Weg nach außen suchte. So weit, so gut, bzw. so schlecht. Normalerweise kann man nämlich in einer Eisenwarenhandlung Schrauben aller moglichen Kategorien kaufen. Aber was ist zu machen, wenn man englisches Gewinde hat. Die gibt's in Deutschland fast nirgends, auch nicht bei der betreffenden Maschinenvertretung in Koblenz. (Das nennt sich dann Kundendienst)
Also suchte ich im Adreßbuch Koblenz nach einer Dreherei und machte mich dorthin auf den Weg. Der aber zog sich dermaßen in die Länge, daß ich mich veranlaßt sah, mir in der Stadt ein Faltfahrrad zu kaufen. Ich tat gut daran, denn ich mußte - bis alles in Ordnung war - immerhin 5 mal in die Stadt. Als dann glücklich die Sachen mit den englischen Schrauben, dem Ölstand und dem Anlasser in Ordnung waren, waren 2 weitere Urlaubstage vergangen. Man wird es mir nicht verübeln, daß mein Bedarf an technischen Spitzfindigkeiten nunmehr übervoll gedeckt war, und ich jetzt meine Ruhe vom gehabten Ärger haben wollte. Ich gab auch die Moselfahrt auf.
So fuhr ich denn zurück nach Koblenz, von da nach Niederlahnstein und dann nach Bad Ems. Hier vertäute ich meine Dschunke bis Ende des Urlaubs am Kurpark, um mich daselbst zu erholen. Hier konnte ich wirk lich von Erholung sprechen, denn außer den Annehmlich keiten eines Kurbetriebes, hatte man dort auch Ruhe vor der Berufsschifffahrt. Aber auch diese idyllischen, ruhigen Tage gingen unerbittlich dem Ende entgegen, und eines schönen Mittwochs mußte ich wieder nach Schierstein zurück. Sie werden es kaum glauben, die Fahrt zu Berge verlief ohne jeden Zwischenfall.
Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich von ferne die grazile Konstrulction der Schiersteiner Hafenbrücke erblickte.
Dort hatte ich meinen Fuß noch nicht richtig auf den Steg gesetzt, als ich auch sofort meine berufliche Tätigkeit ausüben mußte. Der Alltag konnte es gar nicht erwarten, mich in seine Tretmühle zu bekommen. Mein Clubkamerad Greubel litt unter stärksten Zalmschmerzen und bat mich, ihm den betreffenden Zahn zu extrahieren. Am Bord meines Bootes fand der feierliche Akt vermittels einer ausgeglühten Nagelfeile ohne Betäubung statt. Greubel gab keinen Mucks von sich, obwohl der Zahn fest saß. Alle Achtung!
Was auch immer an technischem Ärger an Bord passierte: ich freue mich schon wieder auf den nächsten Sommer.

Freundliche Grüße,
Ihre Katastrophe
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