Jugend-Segeltörn auf der „Boreas“ in der Waddenzee




Irgendwann war die Idee geboren, wir machen einen Segeltörn mit der Clubjugend auf einem Plattbodenschiff in Holland! Gesagt, getan und schon ging das Abenteuer los. Die Jugendwartin forderte zur Freude diverser Telefongesellschaften unzählige Prospekte und Angebote per Internet und Telefon an, verglich Preise, suchte nach passenden Terminen, verhandelte endlos mit Anbietern, dem Vorstand und diversen Sponsoren, um ein akzeptables Preis- Leistungsangebot zu finden. Im Ergebnis standen neben erheblichen Einzelspenden auch 1.500 € vom WYC zur Finanzierung der Reise zur Verfügung. Als erste konkrete Partner ausgemacht waren, schleppte die Jugendwartin die ganze Familie in die Charterhalle zur Boot in Düsseldorf, wo Sie, gleich an welchem Stand, zum Erstaunen der Restfamilie schon bestens bekannt war. Schließlich war es ausgemacht, die „Boreas“ sollte es sein und die Teilnehmer waren benannt. Zumindest vorläufig benannt, denn im Zuge der weiteren Planung mussten auch hier wieder Änderungen vollzogen und Ausfälle ersetzt werden. Von nun an war die Jugendwartin nur noch äußerst begrenzt für die Familie ansprechbar, denn es galt wesentliches zu organisieren. Wie bekomme ich 16 Jugendliche und zwei Betreuer kostengünstig über mehr als 500 km samt umfangreichem Gepäck nach Harlingen, wie verköstige ich möglichst preiswert eine solche immer hungrige Gruppe, und viele Fragen mehr waren zu erörtern. Sobald geklärt war, dass uns ein preiswerter Mietbus der Fa Opel Honrath und gegen Erstattung der Spritkosten ein komfortabler VW-Bus der Familie Brügel zur Verfügung stehen würden, beschäftigte sie sich intensiv mit der Verpflegungsfrage. Zum Erstaunen des Autors verwandelte sich unsere Familienküche über mehrere Tage zu einer Großküche und es wurde nach althergebrachter Methode auf Vorrat eingekocht, um mehrere Mahlzeiten bereits fertig auf die Reise mitnehmen zu können.













Am Mittwoch, dem 19. Mai war es dann soweit: Um 16 Uhr standen die beiden Busse vollgepackt mit Schlafsäcken, Getränken und Verpflegung am Clubhaus bereit und die Reise nach Harlingen konnte beginnen. Zuvor hatte Familie Langer noch das Ölzeug für alle mit im eigenen PKW nach Harlingen transportiert. Gut 500 Km waren zu fahren und wir hofften, spätestens um 22 Uhr anzukommen, was aufgrund unzähliger Staus leider nicht zu schaffen war. Kaum waren wir einige Kilometer gefahren, kamen von den hinteren Plätzen die ersten Wünsche, wie ich habe Hunger, habe Durst, muss Pipi, wann sind wir da und so weiter. Gewürzt wurde das ganze mit Nerven zerrender Techno-Musik, was aber von allen außer dem Fahrer als sehr angenehm empfunden wurde. Dennoch kamen wir gegen 23 Uhr in Harlingen an und fanden nach längerer Suche auch unser Schiff. Nun hieß es auspacken, Kammern und Kojen belegen und vor allem, den immer währenden Hunger und Durst der Jugendlichen zu stillen. Gerti zeigte da, wie so oft in den nächsten Tagen, ebensolche Gelassenheit wie unermüdliches Verständnis, während sich der Autor, wenn auch vergeblich, nichts sehnlicher als die vom alten Hornblower bekannte Disziplin auf englischen Segelkriegsschiffen herbeiwünschte. Laut Auskunft des Vercharterers sollten an Bord Getränke käuflich zu erwerben sein, weshalb unsere mitgebrachten Vorräte nur bis einschließlich Donnerstag kalkuliert waren. Unser Skipper Henk erklärte uns aber, dass er auf seinem Schiff keine Getränke verkaufe, was uns zunächst ein ernstes Problem brachte. Unsere immer hungrige und stets durstige Crew sah schon Unheil ahnend in die Zukunft, zumal am Donnerstag in Holland wegen des Feiertages alle Geschäfte geschlossen waren, doch auch dafür sollte sich später eine Lösung finden.
Am Donnerstag zeigte sich beim ersten Sonnenlicht ein Wald von Masten und Plattbodenschiff reihte sich an Plattbodenschiff im Hafen von Harlingen. Die Backschaft war nach Kammern eingeteilt und die erste „Wache“ bereitete das Frühstück zu. Das Wetter überraschte uns angenehm mit Sonne und für Holland durchaus frühsommerlichen Temperaturen. Skipper Henk wies die neue Crew in die Besonderheiten des Schiffes ein und um 10 Uhr 15 legten wir ab. Wir bewunderten die seemannschaftlich hervorragenden Manöver, eindampfen in die Spring, ablegen auf engstem Raum ohne Bug- oder Heckstrahlruder und das alles mit einem fast 30 Meter langen und 70 Tonnen schweren Schiff. Gleich in der Hafenausfahrt verteilte Bootsmann Nico die Aufgaben an den Mast- und Schwertwinden, am Klüver, Fock und Großfall und alle Jugendlichen mussten, wie später so oft, mit anpacken. Ein solches Schiff zu segeln ist wahre Knochenarbeit und fordert viele kräftige Hände. Unser Ziel war Vlieland und zunächst war der Wind noch recht mäßig, so dass sich einige Mädchen im Klüvernetz räkeln konnten, während die Jungen gemeinsam mit dem Skipper zusätzlich zu Klüver, Fock und Groß noch ein Topsegel setzten. Immerhin rauschten wir dann mit etwa 6 Knoten durch die Waddenzee und erreichten nach vielen Kräfte zehrenden Wendemanövern am Nachmittag unser Ziel. Nach schweißtreibendem Segelbergen, auch hierbei mussten alle mit anpacken, ging es auf Kommando der Jugendwartin mit Rucksäcken bewaffnet zu einem mobilen Verkaufsladen in Hafennähe, der glücklicherweise am Feiertag geöffnet hatte. Damit waren die Logistikprobleme beseitigt und man widmete sich ganz der Strand- und Watterkundung. Irgendwann war der mitgebrachte Gulasch samt Nudeln fertig und man ließ sich zufrieden zur Atzung nieder, nachdem zuvor die Backschafter den Tisch vorbildlich gedeckt hatten. Wie schon am Tage so zeigten die Jugendlichen auch am Abend wieder, dass sie sich durchaus mit Gitarre und Gesang ganz ohne Fernseher und Game-Tubes zu unterhalten verstehen. Irgendwann trat dann „Schiffsruhe“ ein, zuvor war jedoch die unvermeidliche Lokus-Ralley zum einzigen Ort dieser Art an Bord angesagt.

Der Freitag erwartete uns wieder mit Sonne und handigem Segelwetter, der Wind war frischer als am Vortag und nun zeigte sich auch für den letzten Zweifler, dass die mitgebrachten clubeigenen Segelanzüge unverzichtbar waren. Heute sollte es über die Waddenzee nach Westen bis nach Texel gehen. Der Wind wehte steif und wir zogen mit einem ordentlichen Schaumbart vor dem breiten Bug durch das Waddenmeer. Unser Skipper erwies sich als wahrer Kenner des Reviers, ließ ständig loten und brachte uns schneller als viele Mitsegler quer über diverse Sandbänke mit nur wenigen Zentimetern Wasser unter dem Schiff zu unserem Ziel. Diese Fahrt und die Fahrt am folgenden Tag, waren seglerische Highlights und begeisterten alle. In Texel war wieder Seemannschaft vom feinsten zu bestaunen, als im engen Hafen ein Liegeplatz angesteuert wurde. Zuvor waren noch einmal Muskelübungen gefordert, der Klüver musste wieder geborgen und die Klüvernock aufgeheisst werden, die Segel waren zu bergen und aufzutuchen, kurzum wieder einmal Knochenarbeit für alle Hände! 

 Zum Ausgleich ging es dann mit dem Bus zum etwa vier Kilometer entfernten De Burg. Endlich Gelegenheit ein wenig zu shoppen und alle gemeinsam gingen wir Pizza essen. Herzlichen Dank an dieser Stelle noch einmal allen unseren Sponsoren, ohne die solch eine üppige Lebensweise des Schiffsvolks nicht möglich gewesen wäre. Während sich unsere Damen in diverse Boutiquen verteilten erwogen wir noch, den letzten Bus um 18 Uhr 10 ohne uns abfahren zu lassen. Doch alle Geschäfte schlossen bereits um 18 Uhr, so dass wir um 19 Uhr an Bord waren und der Autor angesichts der recht müde wirkenden Crew auf ein frühes Ende des Tages hoffte. Dies war natürlich völlig vergebens, denn Marcus und Tobias erwiesen sich als perfekte Entertainer und bei Gitarrenklang und Ärzte-Texten wurde es noch ein langer fröhlicher Abend an Bord.

Unser Skipper hatte uns bereits vorgewarnt, der Samstag sollte früh beginnen, weil Wind und Tide für eine Wettfahrt mit zwei weiteren Plattbodenschiffen nach Terschelling günstig standen. Also aktivierten wir unsere Handy-Wecker, weckten wir die Crew beizeiten und legten wiederum in einem beachtenswerten seemannschaftlichen Manöver, längsseits gekoppelt mit einem zweiten Schiff auf engstem Raum ab. Heute forderte der Skipper alles von Crew und Schiff. Wir knüppelten Höhe am Wind, krängten das Schiff bis zum Gangbord und donnerten mit dichtgeknallten Schoten und zeitweise mehr als sieben Knoten über die Waddenzee. Wind und Seegang nahmen ständig zu und unsere Konkurrenten konnten uns zunächst überholen. Unser Skipper konnte aber höher anliegen, nutzte jede Winddrehung aus, um Luv zu machen, schonte weder Bootsmann noch Crew, donnerte sogar über Pricken hinweg und schaffte es schließlich, vor unseren Mitseglern als erster in Terschelling festzumachen. Selbst die auf einer Sandbank ruhenden Seehunde, an denen wir dicht vorbeifuhren, schienen über unsere Geschwindigkeit zu staunen. Das Hallo war groß, als die Konkurrenten schließlich per Motor gegen den Wind fahrend auftauchten. Sie hatten es nicht geschafft, so viel Höhe wie wir zu laufen und waren dadurch weit abgeschlagen. Da störte auch der vorübergehende Schauer unsere gute Stimmung an Bord nicht. Und wieder war Shopping angesagt bis zum Abendessen, zu dem wir heute Skipper Henk mit Bordfrau und Bootsmann Nico einluden. Zuvor musste allerdings Jugendwartin und Autor wieder einen Supermarkt plündern, um die rapide dahinschmelzenden Vorräte an Bord zu ergänzen. Die heutigen Backschafter hatten ein paar mehr Teller zu spülen und es wurde am Abend richtig kalt. Abhilfe schaffte der große Backofen in der Mannschaftskajüte, wo es bald wohlig warm wurde. Leider spendeten die Duschen an Bord wie an Land meistens nur kaltes Wasser, so dass sich der Wasserverbrauch in Grenzen hielt. 

Der Sonntag begann mit einer kleinen Enttäuschung, denn alle Geschäfte, so auch der Bäckerladen, waren geschlossen. Glücklicherweise war durch die Supermarkt-Plünderung vom Vortag für genügend Vorrat gesorgt, so dass ein reichhaltiges Frühstück samt Sonntagseiern für allgemeine Zufriedenheit sorgte. Heute sollte es mit achterlichem Wind nach Harlingen zurückgehen. Um 10 Uhr griffen wieder alle Hände nach Winden, Winschkurbeln, Fallen und Schoten und wir segelten wieder über die Waddenzee zunächst mit halbem Wind nach Westen. Später hatten wir mit südlichem Kurs achterlichen Wind, was unseren Skipper veranlasste, die Fock auszubaumen und zusätzlich eine Art Drifter auf der Leeseite zu setzen. Wieder ging es mit sechs Knoten dahin und die Crew nutzte die letzte Gelegenheit, noch einmal umschichtig im Klüvernetz zu liegen.

Um 15 Uhr waren dann in Harlingen die Busse wieder bepackt, Familie Langer war inzwischen wieder eingetroffen und wir machten uns auf die lange und Stau reiche Heimreise. Unterwegs stürmten wir noch einen Mc Donalds, wo noch einmal gewaltig zugeschlagen wurde. Müde, aber in bester Stimmung erreichten wir nach diversen Pipi-Pausen um 22 Uhr 15 endlich wieder Schierstein. Einmütig ließ unsere Jugend verlauten: Das machen wir im nächsten Jahr wieder!

Nun ja, warten wir´s ab, denn immerhin entstanden neben dem organisatorischen Aufwand dem Club erhebliche Kosten, wenngleich diese Reise für unsere Jugendlichen sicher eine ebenso schöne wie prägende Erfahrung war. Bleibt dem Autor nur noch Dank zu sagen, Dank dem Vorstand und den Sponsoren, Dank dem Wettergott, der uns vier Sonnentage und reichlich Wind bescherte, Dank unserem Skipper Henk und Bootsmann Nico, Dank der Jugendwartin, aber auch den Jugendlichen, die sich insgesamt alle im Verlauf der Reise hervorragend in die Gruppe integrierten, Teamgeist zeigten und wo immer erforderlich mit zupackten.

Klaus-W. Jansen
Pressebeauftragter WYC
 Layout: Dieter Schlüter
<ZURÜCK